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Jacopone da Todi

Willst du die Liebe finden,
musst du mit lautern Sinnen,
die wahre Demut minnen
und drinnen fest begründen.

Die demutvolle Seele
weiß allem sich zu fügen;
sie kündet ihre Fehle
und gern erträgt sie Rügen;
Vergnügen, Missvergnügen
ist ganz in ihr ertränkt;
sie lebt hinabgesenkt
in höchster Lieb’ Abgründen.

Demüt’ge Selbstverachtung
ist jeder Tugend Steg;
doch geht die Selbstverachtung,
so scheint mir, tiefern Weg;
kein Dünkel wird ihr reg’
und nimmer wird sie’s widern,
vor dem sich zu erniedern,
was Gott je wollte gründen.

Wenn jede Tugend mein,
und Demut nicht mich freuet,
werd’ ich, wie jener sein,
der Staub im Winde streuet;
da sieh! ein Beispiel leihet
das Wasser, welches steiget
so sehr, wie sich’s geneiget
im Sturz zu Tales Gründen.

Der erste Schritt zur Liebe
führt uns nach Demut hin;
es widerstrebt dem Triebe
der Ehrfurcht Herz und Sinn;
Verachtung dünkt Gewinn
und Schmähung bietet Lust;
nie kann sich in der Brust
ein Rachgefühl entzünden.

Wer wahrhaft liebt, der sieht
niemals auf Andr’er Fehle;
nie murret sein Gemüt,
noch nährt Verdacht die Seele;
an sich nur sieht er nur Fehle;
sich tadeln würd’ er, dächt’ er,
es sei noch einer schlechter,
als er sich selbst muss finden.

Wer Schmach um Christ ertragen,
dem wird das Reich beschert;
doch nimmer wird er sagen,
er sei des Glückes wert;
wie Purpur sich bewährt
weit vor den Farben allen,
kann, wer sich Hohn gefallen
lässt, alles überwinden.

Ein wohlgeschliff’ner Stein
ist lieblich anzusehen;
durch Wunden ward er fein
beim Reiben und beim Drehen;
so musst du Leid und Wehen
mit festem Mut ertragen;
es dürfen nie die Zagen
als Liebende sich künden.

Das Korn, das uns so teuer,
wird hart im Feldgehege;
bevor man’s bringt zur Scheuer,
empfängt es harte Schläge;
und ich, – ich bin so träge,
dass ich ein Schmähwort scheue
und dem Verleumder dräue,
Leumund ihm zu erfinden.

Aus wohlgestoß’nen Würzen
steigt süßer Duft zur Höhe;
wen Leiden überstürzen
und unverschuldet Wehe,
dess Stirn und Scheitel sehe
mit jenem Kranz ich schmücken,
der nicht erscheint den Blicken
und drinnen nur zu finden.

Ist Eisen rostbedeckt,
so bringt man’s zum Kamine;
vom Hammer ausgereckt,
gewinnt es blanke Miene;
so wird der Seele Sühne,
und neuer Glanz sie kleidet,
wenn willig Schmerz sie leidet
zur Tilgung ihrer Sünden.

Das Gold ist nie ein gutes,
wenn’s nicht im Feuer währt,
da in des Ofens Glut es
sich feint und schön verklärt;
und wünsch’ ich mir beschert
vollkomm’ner Liebe Segen,
muss auf den Block ich legen
das Haupt, um sie zu finden.

Jacopone da Todi