Rainer Maria Rilke IV

1

Ein Bund trägt ja doch nicht den Stempel der vollsten herdenartigen Gleichheit seiner Glieder. Im Gegenteil: Je verschiedener die einzelnen Bestandteile sind, desto volltönender und reicher wird der Erfolg ihres Zusammenklingens sein, wenn sie nur alle auf einen Grundton gestimmt sind. – Man darf Bund nicht mit Schule verwechseln. Während das Bestreben der Letzteren ist, durch gewisse starre Normen die Bahn des Schaffenden zu engen, ermöglicht der Bund jedem, seiner Eigenart gemäß, aus sich herauszutreten, unbekümmert um kleinliche Interessen und Vorteile.
 

2

Florenz scheint mir jetzt als eine Art Vorbildung und Vorbereitung für Moskau, und ich bin dankbar dafür, dass ich Fra Angelico [Maler der italienischen Frührenaissance] habe sehen dürfen vor den Bettlern und Betern der iberischen Madonna [russisch-orthodoxe Ikone der Jungfrau Maria], die alle mit der gleichen knieenden Kraft ihren Gott erschaffen, immer und immer wieder, ihn mit ihrem Leid und mit ihrer Freude [kleinen, unbestimmten Gefühlen] beschenken und bezeichnen, ihn morgens heben mit dem Augenlid und ihn abends ruhig loslassen, wenn die Ermüdung ihre Gebete wie Rosenkranzschnüre zerreißt. Im Grunde sucht man in jedem Neuem [Land oder Menschen oder Ding] nur einen Ausdruck, der irgendeinem persönlichen Geständnis zu größerer Macht und Mündigkeit verhilft. Alle Dinge sind ja dazu da, damit sie uns Bilder werden in irgendeinem Sinn. Und sie leiden nicht dadurch, denn während sie uns immer klarer aussprechen, senkt unsere Seele sich in demselben Maße über sie.
 

3

Weißt du aber, was mir die Hauptsache dabei war, lieber Helmuth: Dass ich wieder mal sah, dass die meisten Menschen die Dinge in der Hand halten, um damit irgendeine Dummheit zu machen [wie zum Beispiel sich zu kitzeln mit Pfauenfedern], statt sich jedes Ding gut anzusehen und statt jedes um die Schönheit zu fragen, die es besitzt. So kommt es, dass die meisten Menschen gar nicht wissen, wie schön die Welt ist und wie viel Pracht in den kleinsten Dingen, in irgendeiner Blume, einem Stein, einer Baumrinde oder einem Birkenblatt sich offenbart. Die erwachsenen Menschen, die Geschäfte und Sorgen haben und sich mit lauter Kleinigkeiten quälen, verlieren allmählich ganz den Blick für diese Reichtümer, welche die Kinder, wenn sie aufmerksam und gut sind, bald bemerken und mit dem ganzen Herzen lieben. Und doch wäre es das Schönste, wenn alle Menschen in dieser Beziehung immer wie aufmerksame und gute Kinder bleiben wollten, einfältig und fromm im Gefühl, und wenn sie die Fähigkeit nicht verlieren würden, sich an einem Birkenblatt oder an der Feder eines Pfauen oder an der Schwinge einer Nebelkrähe so innig zu freuen wie an einem großen Gebirge oder einem prächtigen Palast. Das Kleine ist ebenso wenig klein, als das Große – groß ist. Es geht eine große und ewige Schönheit durch die ganze Welt, und diese ist gerecht über den kleinen und großen Dingen verstreut; denn es gibt im Wichtigen und Wesentlichen keine Ungerechtigkeit auf der ganzen Erde.
 

4

Ist Ihre Liebe und Freundschaft so misstrauisch, dass sie immerfort sehen und greifen will, was sie besitzt? Sie müssen fortwährend Enttäuschungen erfahren, wenn Sie erwarten, das alte Verhältnis zu finden, aber warum freuen Sie sich nicht auf das Neue, das beginnen wird, wenn Clara Westhoffs neue Einsamkeit einmal die Tore auftut, um Sie zu empfangen? Auch ich stehe still und voll tiefen Vertrauens vor den Toren dieser Einsamkeit, weil ich für die höchste Aufgabe einer Verbindung zweier Menschen diese halte: dass einer dem andern seine Einsamkeit bewache. Denn wenn das Wesen der Gleichgültigkeit und der Menge darin besteht, keine Einsamkeit anzuerkennen, so ist Liebe und Freundschaft dazu da, fortwährend Gelegenheit zur Einsamkeit zu geben. Und nur das sind die wirklichen Gemeinsamkeiten, die rhythmisch tiefe Vereinsamungen unterbrechen … Denken Sie daran, als Sie Clara Westhoff kennen lernten: da wartete Ihre Liebe geduldig auf ein aufgehendes Tor, dieselbe Liebe, die jetzt ungeduldig an die Wände pocht, hinter denen die Dinge sich vollziehen, die wir nicht kennen, die ich ebenso wenig kenne wie Sie, – nur dass ich das Vertrauen habe, dass sie mich tief und verwandt berühren werden, wenn sie sich mir einmal offenbaren. Und kann Ihre Liebe kein ähnliches Vertrauen fassen? Aus diesem Vertrauen allein werden ihr Freuden kommen, von denen sie leben wird, ohne zu hungern.
 

5

Man soll arbeiten und Geduld haben. Nicht rechts, nicht links schauen. Das ganze Leben in diesen Kreis hineinziehen, nichts haben außerhalb dieses Lebens. Rodin hat das so gemacht. Man muss das andere opfern. Der unerquickliche Hausstand Tolstois, die Unbehaglichkeit in den Zimmern Rodins: Das deutet alles auf dasselbe hin: Dass man sich entscheiden muss, entweder das oder jenes. Entweder Glück oder Kunst. Und das ist ja alles so klar, so klar. Die großen Menschen alle haben ihr Leben zuwachsen lassen wie einen alten Weg und haben alles in ihre Kunst getragen. Ihr Leben ist verkümmert wie ein Organ, das sie nicht mehr brauchen.

Siehst du, Rodin hat nichts gelebt, was nicht in seinem Werke ist. So wuchs es um ihn. So verlor er sich nicht, selbst in den Jahren, da Geldnot ihn zu unwürdiger Arbeit zwang, verlor er sich nicht, weil nicht Plan blieb, was er erlebte, weil er abends es gleich verwirklichte, was er bei Tage gewollt hat. So wurde immer alles wirklich. Das ist die Hauptsache, dass man nicht beim Träumen, beim Vornehmen, beim In-Stimmung-Sein bleibt, sondern immer mit Gewalt alles in Dinge umsetzt. Wie Rodin es getan hat. Warum ist er durchgedrungen? Nicht, weil er Beifall gefunden hat. Seiner Freunde sind wenige, und er steht, wie er sagt, auf dem Index. Aber sein Werk war da, eine enorme, grandiose Wirklichkeit, über die man nicht weg kann. Damit hat er sich Raum und Recht erzwungen. Man kann sich einen Mann denken, der das alles in sich gefühlt, gewollt hatte und auf bessere Zeiten gewartet hätte, um es zu machen. Wer würde seiner achten; er wäre ein alternder Narr, der nichts mehr zu hoffen hätte. Aber machen, machen heißt es. Und ist erst einmal etwas da, sind zehn, zwölf Sachen da, sind 60, 70 kleine Akte um einen, die man alle bald aus dem, bald jenem Drang heraus gemacht hat, dann hat man schon ein Stück Land gewonnen, auf dem man aufrecht stehen kann. Dann verliert man sich nicht mehr. Wenn Rodin da unter seinen Dingen umhergeht, da fühlt man, wie ihm von ihnen immerfort Jugend, Sicherheit und neue Arbeit zuströmt. Er kann nicht irre werden. Sein Werk steht wie ein großer Engel neben ihm und schützt ihn.
 

6

Ich sehe immer mehr ein, dass für meine Art nichts schwerer ist und gefährlicher, als mit dem Schreiben Geld verdienen wollen. Ich kann mich so gar nicht zum Schreiben zwingen; und allein schon das Bewusstsein, dass zwischen meinem Schreiben und des Tages Nahrung und Notdurft eine Beziehung besteht, genügt, mir die Arbeit unmöglich zu machen. Ich muss auf das Klingen warten in der Stille, und ich weiß, wenn ich das Klingen dränge, dann kommt es erst recht nicht. [Es ist so selten gekommen in den letzten zwei Jahren.] Manchmal ist es da, dann bin ich der Herr meiner Tiefen, die sich auftun, strahlend und schön und schimmernd im Dunkel; aber ich habe nicht den Zauberspruch getan, Gott tut ihn, wenn es Zeit ist, und mir gebührt nur, geduldig zu sein und zu warten und meine Tiefen gläubig zu ertragen, die, wenn sie verschlossen sind, wie ein schwerer Stein sind viele Tage des Jahres.
 

7

O wie ich daran glaube, an das Leben. Nicht das, das die Zeit ausmacht, jenes andere Leben, das Leben der kleinen Dinge, das Leben der Tiere und der großen Ebenen. Dieses Leben, das durch die Jahrtausende dauert, scheinbar ohne Teilnahme, und doch im Gleichgewicht seiner Kräfte voll Bewegung und Wachstum und Wärme. Darum lasten die Städte so auf mir. Darum liebe ich es, barfuß weite Wege zu tun, um kein Sandkorn zu versäumen und meinem Körper in vielen Formen die ganze Welt zu geben zum Gefühl, zum Ereignis, zur Verwandtschaft. Darum lebe ich, wo es geht, von Gemüse, um dem einfachen, durch nichts Fremdes gesteigerten Lebensbewusstsein nahe zu sein; darum geht kein Wein in mich ein: weil ich will, dass nur meine Säfte reden und rauschen sollen und Seligkeit haben sollen, wie in Kindern und Tieren, tief aus sich selbst! … Und darum will ich auch allen Hochmut weit von mir abtun, mich nicht heben über das allergeringste Tier und mich nicht herrlicher halten als einen Stein. Aber sein, was ich bin, leben, was mir zu leben gesetzt war, klingen wollen, was keiner sonst klingen kann, die Blüten bringen, die meinem Herzen befohlen sind. Das will ich – und das kann doch nicht Überhebung sein.
 

8

Ich weiß, dass ich mein Leben nicht herausschneiden kann aus den Schicksalen, mit denen es verwachsen ist; aber ich muss die Kraft finden, es ganz, wie es ist, mit allem, in eine Ruhe hineinzuheben, in eine Einsamkeit, in die Stille tiefer Arbeitstage: Nur dort wird mich alles finden, was Du mir verheißen hast.
 

9

Die Wirklichkeit macht alles immer einfacher, und jede natürliche Erfüllung erfüllt nur das Wichtige.
 

10

Absolut betrachtet, ohne Rücksichtnahme auf das minderwertige Gespräch, das die ganze Welt ausfüllt, scheint mir jetzt auch das trefflichste Gespräch wie eine Ausschweifung. Ich dachte es neulich, als ich mich hier am Abend verleiten ließ, einiges Wichtige zu sagen, fühlte es nach den erschöpfenden Gesprächen mit N. am Anfang meines hiesigen Aufenthaltes. Welcher bittere Geschmack, welches Ausgabegefühl, welche Morgen-nach-einem-Gelage-Stimmung bleibt da zurück! Und wie schuldig fühlt man sich! Früher glaubte ich immer, es käme aus einem Bedauern, sich an nicht ganz Feine, Reife weggegeben zu haben; aber nein, es kommt einfach daher, dass Ausgeben Sünde ist, Musik ist, Hingabe ist. Im Grunde muss man sich vor seinen besten Worten zuschließen und in die Einsamkeit gehen. Denn das Wort muss Mensch werden. Das ist das Geheimnis der Welt!
 

11

Rein sind alle Gefühle, die Sie zusammenfassen und aufheben; unrein ist das Gefühl, das nur eine Seite Ihres Wesens erfasst und Sie so verzerrt. Alles, was mehr aus Ihnen macht, als Sie bisher in Ihren besten Stunden waren, ist recht. Jede Steigerung ist gut, wenn sie in Ihrem ganzen Blute ist, wenn sie nicht Rausch ist, nicht Trübe, sondern Freude, der man auf den Grund sieht. Im Übrigen lassen Sie sich das Leben geschehen. Glauben Sie mir: Das Leben hat recht, auf alle Fälle.
 

12

Möge das Leben Ihnen aufgehen, Tür um Tür; mögen Sie in sich die Fähigkeit finden, ihm zu vertrauen, und den Mut, gerade dem Schweren das meiste Vertrauen zu geben. Jungen Menschen möchte ich immer nur dieses eine sagen [es ist fast das Einzige, was ich bis jetzt sicher weiß] – dass wir uns immer an das Schwere halten müssen; das ist unser Teil. Wir müssen so tief ins Leben hineingehen, dass es auf uns liegt und Last ist: Nicht Lust soll um uns sein, sondern Leben.

Wenn für viele das Leben auf einmal leichter wird, leichtsinniger und froher, so ist es nur, weil sie aufgehört haben, es ernst zu nehmen, es in Wirklichkeit zu tragen und mit ihrem eigensten Wesen zu fühlen und zu erfüllen. Das ist kein Fortschritt im Sinne des Lebens. Das ist eine Absage aller seiner Weiten und Möglichkeiten. Was von uns verlangt wird, ist, dass wir das Schwere lieben und mit dem Schweren umgehen lernen. Im Schweren sind die freundlichen Kräfte, die Hände, die an uns arbeiten. Mitten im Schweren sollen wir unsere Freuden haben, unser Glück, unsere Träume; da, vor der Tiefe dieses Hintergrunds, heben sie sich ab, da sehen wir erst, wie schön sie sind. Und nur im Dunkel der Schwere hat unser kostbares Lächeln einen Sinn; da leuchtet es erst mit seinem tiefen, träumenden Licht, und in der Helligkeit, die es für einen Augenblick verbreitet, sehen wir die Wunder und Schätze, von denen wir umgeben sind.
 

13

Sind wir denn im Leichten froh, sind wir nicht fast verlegen im Leichten? Unser Herz ist tief, aber wenn wir nicht hineingedrückt werden, gehen wir nie bis auf den Grund. Und doch, man muss auf dem Grund gewesen sein. Darum handelt sich's.
 

14

Und nun steht Ihre Gestalt geradeso vor mir in der Einsamkeit [und nun, bitte, zürnen Sie nicht], die ihr so gut ansteht. Betete ich für Sie, so betete ich, dass Sie sie nicht durchbrächen, diese Einsamkeit, nicht jetzt, nicht ungeduldig, nicht um jeden Preis. Sie ist schwer, gewiss; aber sie scheint Ihnen schwerer, weil Sie sie für einen leeren Raum halten, während sie da sein muss, als Raum für das Leuchten, das von Ihrer Gestalt ausgeht.
 

15

Lieber, lieber Herr Rilke, haben wir's nicht alle gesagt, eines Abends: Ich will anders beten? Und ist einer unter uns, der gewusst hat wie? Waren wir nicht alle ratlos und versuchten's auf die und jene Art und konnten's auf keine? Und schließlich gaben wir's auf: als unnütz, wie wir sagten; als zu schwer, wie wir hätten eingestehen müssen, wenn wir damals schon gelernt gehabt hätten, ein klein wenig aufrichtiger zu sein. Aber später, als wir's lange nicht mehr taten, da kam die Stunde, da wir uns irgendwie beschäftigt fanden, vertieft, verloren in etwas, um etwas versammelt: Wissen Sie's noch? Und plötzlich war Gott da, eine Sekunde lang. Wir zitterten. Warum war er gekommen? Wer hatte ihn gerufen? Was war geschehen? – Wir hatten gebetet, ohne es zu wissen. Wir hatten anders gebetet.
 

16

Wenn uns etwas fortgenommen wird, womit wir tief und wunderbar zusammenhängen, so ist viel von uns selber fortgenommen. Gott aber will, dass wir uns wiederfinden, reicher um alles Verlorene und vermehrt um jeden unendlichen Schmerz.
 

17

Dein Wesen war so recht die Tür, durch die ich zuerst ins Freie kam.
 

18

Ich sage mir oft, dass ich nur durch Dich mit dem Menschlichen zusammenhänge, in Dir ist es mir zugekehrt, ahnt mich, atmet mich an.
 

19

Auch dies ist ja eine von den wunderlichen Begrenzungen innerhalb der menschlichen Näherungen, dass es einem versagt scheint oder wenigstens die Kraft übersteigt, mit jemandem, mit dem man im Größesten sich zu benehmen wusste, eines Tages Halbes, Bedingtes, Geringeres zu erleben.
 

20

Denn ob es gleich keiner laut zugeben mag, Tröstungen täten not, die großen unerschöpflichen Tröstungen, deren Möglichkeit ich oft auf dem Grunde meines Herzens empfunden habe, fast erschrocken, sie, die grenzenlosen, in so eingeschränktem Gefäße zu enthalten. Es ist ja sicher, dass der göttlichste Trost im Menschlichen selbst enthalten ist, mit dem Troste eines Gottes wüssten wir wenig anzufangen; sondern es müsste nur unser Auge eine Spur schauender, unser Ohr empfangender sein, der Geschmack einer Frucht müsste uns vollständiger eingehen, wir müssten mehr Geruch aushalten und im Berühren und Angerührtsein geistesgegenwärtiger und weniger vergesslich sein –: um sofort aus unseren nächsten Erfahrungen Tröstungen aufzunehmen, die überzeugender, überwiegender, wahrer wären als alles Leid, das uns je erschüttern kann.
 

21

Die Liebe nimmt nicht Rücksicht auf unsere Einteilungen, sondern reißt uns, zitternd wie wir sind, in ein endloses Bewusstsein des Ganzen hinein. Die Liebenden leben nicht aus dem abgetrennt Hiesigen; als ob nie eine Teilung vorgenommen worden wäre, greifen sie den ungeheueren Besitzstand ihrer Herzen an, von ihnen kann man sagen, dass ihnen Gott wahrhaft wird und dass der Tod ihnen nicht schadet: Denn sie sind voller Tod, indem sie voller Leben sind.
 

22

Es wundert mich, Ilse, dass Sie nun ein Bevorstehendes so geradezu „Unglück“ nennen: Was es auch an „Missverständnissen und Zerwürfnissen“ mit sich bringt, hat es nicht wenigstens das Recht, ohne so vorgegebene Namen zu kommen? Worte sind Zaubersprüche und Namen sind es erst recht.
 

23

Sicherheit außer der im Gedicht, im Bild, in der Gleichung, im Gebäude und in der Musik, ist vielleicht nur um den Preis der bestimmtesten Einschränkung überhaupt zu erreichen, indem man in einer wohlüberlegten oder erfahrenen Weltauswahl sich einfriedigt und vergnügt, in einer Umgebung von Bekanntheit und Bedeutung, in der dann eine unmittelbare Selbstanwendung nützlich und möglich wird. Aber wie können wir das wollen? Unsere Sicherheit muss irgendwie ein Verhältnis zum Ganzen werden, zu einer Vollzähligkeit; Sichersein heißt für uns die Unschuld des Unrechts gewahren und die Gestalthaftigkeit des Leidens zugeben; heißt Namen ablehnen, um dahinter die einzigen Bildungen und Verbindungen des Schicksals, wie Gäste, zu ehrwürdigen; heißt zu Nahrung und Entbehrung, bis weit ins Geistige hinein, unbeirrt bleiben, wie zu Brot und Stein –, heißt nichts verdächtigen, hinausdrängen, nichts für das Andere halten, heißt über allen Begriff des Eigentums hinaus in Aneignungen leben, nicht in besitzenden, aber in gleichnishaften –, und schließlich, ob es gleich bürgerlich nicht zutrifft, sich über diese gewagte Sicherheit zu verständigen: Sie ist ja doch die letzte grundgiebige Gemeinsamkeit unserer Aufstiege und Untergänge. Die Unsicherheit ganz groß nehmen –: in einer unendlichen wird auch die Sicherheit unendlich …
 

24

Es liegt in der Natur jeder endgültigen Liebe, dass sie früher oder später den Geliebten nur noch im Unendlichen erreichen mag.
 

25

Auch ich habe mir immer vorgestellt, dass dieses […] Dasein der Frau ertragbar werden müsste durch eine reiner geleistete Liebe des Mannes, der doch bestenfalls mit einem unausgeführten Liebesentwurf an der Wirklichkeit und Liebe seiner Geliebten beteiligt ist. Als ein Werbender übertreibt er in dem staunend sich begreifenden Mädchen die Mächte der Natur, um bald nach der Erwerbung der Erste zu sein, der sie verleugnet und sich beklagt über  die menschliche Hinfälligkeit und Hülflosigkeit jenes eben noch ihn völlig übertreffenden Geschöpfes. Hier verrät sich die tiefe Arbeitslosigkeit seiner Liebe, die grade nur Atem hatte für einen Feiertag und Fassung für das unermessliche Geschenk einer Nacht: Nein, dazu schon war sie nicht mehr leistend genug, dieses Geschenk in sich aufzubrauchen und restlos umzuwandeln, ihm eine Verschwiegenheit zu schaffen, die jene unentbehrliche Unschuld zwischen den Liebenden wieder herstellt, ohne die sie nicht beisammen bleiben dürften; wenn so, an der Frau gemessen, der Geliebte im Unrecht zu sein scheint, ein Großtuer der Liebe, der nicht über die Anfangsgründe der Liebeskunde hinauskommt, der ewig mit den ersten Lektionen das ganze Gedicht meint gestalten zu können, für das die Liebende ihm Gleichnis und Rhythmus vorbereitet –, ist er nicht auf der anderen Seite, ergreifend in seinem Verhängnis, dieser Vorbeiziehende, Vorbeigezogene –, dieser Blinde, Stürmende, der um die Welt fahren will und nicht einmal um ein Herz den Weg zu vollenden vermocht hat?
 

26

Nie ist der Tod, gerade der empfundenste, als Lebenshindernis einem überlebenden Wesen auferlegt geblieben, denn seine innerste Wesenheit ist uns nicht konträr, ist, wie man manchmal erraten möchte, lebenswissender als wir in unseren vitalsten Momenten. Ich meine immer, es hat ein solches Gewicht mit seinem ungeheuren Druck die Aufgabe, uns einer tieferen innigeren Schicht des Lebens einzudrängen, damit wir dann aus ihr umso fruchtbarer emporwachsen; sehr früh haben die Umstände mir diese Erfahrung eingeübt und sie hat sich mir von Schmerz zu Schmerz bestätigt: das Hiesige ist uns nun einmal gegeben und zugemutet und wir müssen alles, was uns widerfährt, in eine neue Vertraulichkeit und Befreundung mit ihm umzuwandeln suchen, denn wohin sollten wir uns abwenden mit Sinnen, die doch für seine Erfassung und Bewältigung vorzüglich eingerichtet sind, – und wie dürften wir uns der Pflicht entziehen, das uns von Gott Zugetraute zu bewundern, – worin doch sicher alle Vorbereitung enthalten ist für jede künftige und ewige Bewunderung!
 

27

Es ist eine erschreckende Annahme, der Liebesaugenblick, den wir als einen uns so völlig und tief eigenen und eigentümlichen empfinden, könnte, über den Einzelnen fort, so ganz von der Zukunft […] und auf der anderen Seite von der Vergangenheit bestimmt sein, – aber selbst dann: Es bliebe ihm immer noch seine unbeschreibliche Tiefe als Ausflucht ins Eigene. Was zu glauben mir durchaus nahe läge. Das käme mit der Erfahrung überein, wie sehr das ganz inkommensurable Dasein jeder unserer tiefsten Entzückungen von Dauer und Verlauf sich unabhängig macht, sie stehen wirklich senkrecht auf den Richtungen des Lebens, wie der Tod auch senkrecht auf ihnen steht, sie haben mehr mit ihm gemein als mit allen Zielen und Bewegungen unserer Vitalität. Nur vom Tode her [wenn man ihn nicht als ein Abgestorbensein gelten lässt, sondern ihn vermutet als die uns durchaus übertreffende Intensität –], nur vom Tode her, mein ich, lässt sich der Liebe gerecht werden. Aber auch da ist uns überall die übliche Auffassung dieser Größen beirrend im Wege. Unsere Traditionen sind unleitende geworden, dürre Äste, die nicht mehr aus der Kraft der Wurzel gespeist werden.
 

28

Längst hab ich mich ja gewöhnt, die gegebenen Dinge nach ihrer Intensität aufzufassen, ohne, soweit das menschlich leistbar ist, um die Dauer besorgt zu sein, – es ist am Ende die beste und diskreteste Art, ihnen alles zuzumuten –, selbst die Dauer. Fängt man mit diesem Anspruch an, so verdirbt und verfälscht man jedes Erlebnis, ja man hemmt es in seiner eigensten, innersten Erfindung und Fruchtbarkeit. Das eigentlich Unerflehbare kann immer nur dazu-geschenkt werden, so dacht ich mir auch jetzt: Oft im Leben scheint es nur auf die längste Geduld anzukommen!
 

29

Übrigens ist er [Malte] es, der mich auffordert, alle Dinge, die ich gestalten will, mit allen Fähigkeiten meiner Liebe zu lieben. Denn diese Dinge fragen zuerst: Bist du frei? Bist du bereit, mir deine ganze Liebe zu widmen? Dich mit mir zu betten, wie Sankt Julian der Gastfreundliche sich mit dem Aussätzigen bettete, in jener äußersten Umarmung, die sich nie in einer gewöhnlichen und flüchtigen Nächstenliebe erfüllen kann, sondern die die Liebe, die ganze Liebe, alle Liebe, die auf Erden sich findet, zum Antrieb hat? Und wenn so ein Ding dich beschäftigt sieht, selbst mit einer Zelle deines Interesses, so verschließt es sich dir. Es spendet dir vielleicht mit einem Wort eine Regel, macht dir ein kleines, leicht freundschaftliches Zeichen, aber es versagt es sich, dir sein Herz zu geben, dir sein geduldiges Wesen zu vertrauen und seine sternhafte Stetigkeit, die es so sehr den Konstellationen des Himmels gleichen lässt.

Sie müssen ein Ding, auf dass es zu Ihnen spricht, während einer gewissen Zeit als das einzige nehmen, das existiert, als die einzige Erscheinung, die durch Ihre arbeitsame und ausschließliche Liebe sich in den Mittelpunkt des Universums gestellt findet und der an jenem unvergleichlichen Platz an jenem Tage die Engel dienen.
 

neu 30

Was ich künstlerisch schreibe, wird wohl bis zuletzt irgendwo die Spuren des Widerspruchs aufweisen, mittels dessen ich mich angetreten habe, – und doch, wenn Sie mich fragen, so möchte ich nicht, dass es dies sei, was vor allem von diesen Arbeiten ausginge. Nicht die Aufforderung zu irgendeiner Auflehnung und Befreiung, nicht das Ausspringen aus dem sie Umgebenden und ihnen Anfordernden, möchten – so wünschte ich – junge Menschen aus diesen Schriften schließen; vielmehr, dass sie in einer neuen Verträglichkeit das Gegebene, Zugemutete, unter Umständen Notwendige hinnähmen, vor ihm nicht nach auswärts, sondern ins Tiefere auswichen, dem Druck der Verhältnisse nicht so sehr widerstrebten, als vielmehr ihn ausnutzten, um durch ihn in eine dichtere, tiefere, eigentümlichere Schicht der eigenen Natur eingesetzt zu werden.

Jenes „Schwernehmen“ des Lebens, von dem meine Bücher erfüllt sind, ist ja keine Schwermütigkeit, Lieber [und dieses „furchtbar“ und jenes „tröstlich“, zu dem Sie sich, mir so ergreifend, bekannt haben, wird in diesen Büchern immer näher zusammenrücken, bis es schließlich Eines sein wird in ihnen, ihr einziger wesentlicher Inhalt] – jenes Schwernehmen will ja nichts sein, nicht wahr?, als ein Nehmen nach dem wahren Gewicht, also ein Wahrnehmen; ein Versuch, die Dinge mit dem Karat des Herzens zu wägen, statt mit Verdacht, Glück oder Zufall. Keine Absage, nicht wahr?!, keine Absage; oh, im Gegenteil, wie viel unendliche Zustimmung und immer noch Zustimmung zum Da-Sein!
 

neu 31

Was soll uns denn beistehen, wenn die religiösen Hilfen versagen, indem sie diese [geschlechtlichen] Erlebnisse vertuschen, statt sie zu verklären und sie uns entziehen möchten, statt sie herrlicher, als wir sie zu ahnen wagten, in uns einzusetzen. Hier sind wir die unbeschreiblich Verlassenen und Verratenen: daher unser Verhängnis. Indem die Religionen, an den Oberflächen verlöschend und immer mehr erloschene Oberfläche ansetzend, zu Moralitäten abstarben, versetzten sie auch diese Erscheinung, die innerste ihres und unseres Daseins, auf den kalt gewordenen Boden des Moralischen und damit, notwendig, ins Periphere.

Liebes-Absage oder Liebes-Erfüllung, beide sind nur dort wunderbar und ohne Gleichen, wo das ganze Liebeserlebnis mit allen seinen voneinander kaum unterscheidbaren Entzückungen [die untereinander so alternieren, dass Seelisches und Leibliches gerade dort nicht mehr sich trennen lässt ] eine zentrale Lage einnehmen darf: Dort wird ja dann auch [in der Hingerissenheit einiger Liebender oder Heiliger aller Zeiten und aller Religionen] Absage und Ausfüllung identisch. Wo das Unendliche ganz eintritt [sei es als Minus oder Plus], fällt das Vorzeichen weg, das, ach, so menschliche, als der vollendete Weg, der nun gegangen ist, – und was bleibt, ist das Angekommensein, das Sein!

 

  1  Brief an Bodo Wildberg, 1896
  2  Brief an Frieda von Bülow, 27. Mai 1899
  3  Brief an Helmuth Westhoff, 12. November 1901
  4  Brief an Paula Becker-Modersohn, 12. Februar 1902
  5  Brief an Clara Rilke, 5. September 1902
  6  Brief an Ellen Key, 13. Februar 1903
  7  Brief an Ellen Key, 3. April 1903
  8  Brief an Lou Andreas-Salomé, 11. August 1903
  9  Brief an Lou Andreas-Salomé, 21. Januar 1904
10  Brief an Clara Rilke, 24. Juli 1904
11  Brief an Franz Xaver Kappus, 4. November 1904
12  Brief an ein junges Mädchen [Emmy Hirschfeld], 20. November 1904
13  Brief an Arthur Holitscher, 13. Dezember 1905
14  Brief an Gräfin Mary Gneisenau, 15. Dezember 1906
15  Brief des Ewald, 2. Februar 1907
16  Brief an Prinzessin Cathia von Schönaich-Carolath, 7. Mai 1908
17  Brief an Lou Andreas-Salomé, 28. Dezember 1911
18  Brief an Lou Andreas-Salomé, 6. Jänner 1913
19  Brief an Helene von Nostiz, 27. Jänner 1914
20  Brief an Fürstin Marie von Thurn und Taxis-Hohenlohe, 6. September 1915
21  Brief an Lotte Heppner, 8. November 1915
22  Brief an Ilse Erdmann, 22. August 1916
23  Brief an Ilse Erdmann, 9. Oktober 1916
24  Brief an Imma Freiin von Ehrenfels, 20. Februar 1917
25  Brief an Lisa Heise, 30. August 1919
26  Brief an Adelheid von der Marwitz, 11. September 1919
27  Brief an Lisa Heise, 19. Jänner 1920
28  Brief an Gräfin Marie Therese Mirbach-Geldern, 25. November 1920
29  Brief an eine junge Frau, 1921
30  Brief an Rudolf Bodländer, 13. März 1922
31  Brief an Rudolf Bodländer, 23. März 1922
 


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