Einzelstimmen III

Ernst Bertram

Du kannst nicht sein,
du kannst dich nur verschwenden,
kannst bleiben nicht,
die Erde wandert aller Enden;
du kannst nicht sammeln, jedes Gold wird Blei,
und nichts ergreifen, alles schwirrt vorbei;
du kannst nicht wissen, denn es war schon Trug.
Du kannst nur lieben. Lieben ist genug.
 

Anton Wildgans

Ich geb dir einen Namen, süß wie Wein –
gleich einer Beere schmiegt er sich im Munde,
auf der sich manche milde Sonnenstunde
verträumte in die Dämmerung hinein.

In diesem Namen warst du immer mein,
solang ich meine Sehnsucht mir erkunde,
und alles Wehgeschlagene und Wunde
heilte der Glaube an dein Nahesein.

Ich kenn dich gut, du bist mir oft begegnet,
in viele Wesen aufgeteilt: Oft nur
in einem Aug, von Tränen überregnet,

in einer leisen eingekerbten Spur
an liebem Mund, in einem Beben nur
von Händen, die mir meine Not gesegnet.


Und jener Name ist wie eine Frucht,
die köstlich sich am müden Aste ründet,
und, unbeirrt von Herbst und Tod, verkündet,
dass Werden ist in alles Lebens Flucht.

Und wie aus eines Fruchtkerns dunkler Bucht,
tief erdversenkt, der neue Frühling mündet,
hast du, in mich getan, dich sanft entzündet,
dass es aus mir wie Blühen Ausgang sucht.

Weil du mich wieder liebe Erdennähe
und klaren Trunk der Freude mich gelehrt;
denn früher war ich mir nur zugekehrt

und ganz verschüttet von Verzicht und Wehe.
Jetzt aber bin ich hell und unbeschwert
und lache wieder, höre gern und sehe.
 

Annemarie Schnitt

dich nenne ich
fragt mich wer
nach meiner großen Liebe

spröde dein Gesicht
von Strömungen umrissen
deine steinerne Gestalt

ausgeliefert den Stürmen
der Sonne preisgegeben
verloren unter Sternen

dich nenne ich
fragt mich wer
nach meiner großen Liebe
dich
gehalten
von den Armen
des Himmels
 

Christine Busta

Heute nenn ich Dich Schnee,
Du unerschöpflicher Schöpfer
vergänglicher Sternkristalle,
der die nackten Äcker bekleidet,
den Wanderer weglos macht
und die ärmlichsten Hütten
füllt mit Geborgenheit und Einkehr.

Schwebender Du, der den Bäumen Last wird,
der die tapferen Krähen auswirft
in die Stille und die Tiere
aus den Wäldern den Menschen nahe bringt,
der die Hilflosen hilfloser macht
und die Hilfsbereiten bereiter.

Lautloser, der das Vertraute entfremdet,
wird uns deine Fülle begraben,
werden Flüche das Lob ersticken?
Morgen vielleicht schon wird uns Dein Weiß
blenden, und Du beginnst zu tauen.
Herrlicher! Dann nenn ich Dich Sonne.
 

G. L.

Geliebter!

Du meine Liebe,
meine Welt,
der tiefe Wald,
das weite Feld,
Du bist die Woge
und der Strand!

Geliebter!

Du meine Sonne,
meine Luft,
Du bist die Blume
und der Duft,
das ferne Ufer
und das Land!

Geliebter! 

Ja, Du allein
bist, was ich bin,
Du mein Verlust
und mein Gewinn,
Du meine Chance,
mein Beginn,
mein ganzes Glück,
mein ganzer Sinn,
Du bist mein Leben
und mein Blut,
mein fester Glaube
und mein Mut,
Du bist mein Halt,
mein ganzes Gut!

Geliebter!

Du meine Sehnsucht,
meine Qual!
Du bist der Strom,
das tiefe Tal,
unendlich nah –
unendlich weit!

Geliebter!

Du bist mein Tag
und meine Nacht,
der stille Traum,
der glücklich macht –
Du bist die Zeit
und Ewigkeit!

Geliebter!

 

Ernst Bertram, Rimbaud Verlag, mit freundlicher Erlaubnis
Anton Wildgans, Sonette an Ead
Annemarie Schnitt [Homepage] mit freundlicher Erlaubnis

Christine Busta, Schneepsalm, Otto Müller Verlag, mit freundlicher Erlaubnis
G. L. mit freundlicher Erlaubnis


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