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Einzelstimmen II

Abu-Said

Bevor die Gottheit noch das schimmernde
Kristall des Firmaments errichtet hatte,
als du und ich noch schlummerten im Nichts, –
schon damals waren unsre beiden Namen
verbunden durch die Gottheit, wunderbar.

Eh noch die Sterne waren und der Mond,
eh Wasser war und Feuer und die Erde,
eh deine Stimme war und dein Gedanke,
schon damals war durch Gott vorausbestimmt
das Schicksal unsrer Liebe, wunderbar.

Emir Moasi

War ich vom Wein nicht schon betört genug?
Nun haben deine liebestrunknen Augen
mich so berauscht, dass ich mich kaum noch kenne.

Ich werde Tag und Nacht von deinen Augen
verfolgt; ich schmachte schlaflos auf dem Lager,
ich winde mich, ich weiß nicht, was ich tu.

Ich stöhne, meine Lippen glühn wie Feuer,
mein Hirn ist wirr, mein Herz schlägt zum Zerspringen,
aus meinen Augen strömt es schwer wie Blut.

Ich fühl es wohl: Ich bin nicht mehr ich selber,
mein ganzes Wesen ist dir preisgegeben,
die Glut verzehrt mich, ich bin willenlos.

So lass mein Dasein denn in dir verlodern!
Wie gern verzicht ich auf mein eignes Wesen,
um aufzugehn in deinem Strahlenglanz!

Dschami

Der ist ein wahrer Freund, dess' edles Herz
nur immer heißer glüht, wenn auch der Andre,
den seine Seele liebt, ihm Böses antut.
Und trifft auch tausendmal der Stein des Unrechts,
geschleudert von dem Freunde, an sein Haupt:
Nur immer höher, immer strahlender
führt er den Turmbau seiner Liebe auf.

Ich wandelte den guten Weg der Gnade,
da sah ich dich in deiner Schönheit Schimmer
am Wege stehn, so Holdes sah ich nimmer,
und mählich kam ich ab von meinem Pfade.

Feghani

Die Liebe hält mich ganz in ihrem Bann,
es treibt mich nichts mehr in den Kreis der Frommen,
was schert mich Gott und Kirche! Liebe Engel,
vermeidet mich, die Reinheit meiner Seele
ist weg für immer, in mir wühlt ein Feuer,
entzündet durch die tulpenschönsten Wangen, –
ich habe keine Angst mehr vor der Hölle
und keine Lust, ins Paradies zu ziehn.

Ricarda Huch

Was für ein Feuer, o was für ein Feuer
warf in den Busen mir der Liebe Hand!
Schon setzt es meinen zarten Leib in Brand
und wächst an deiner Brust doch ungeheuer.
Zwei Fackeln lodern nun in eins zusammen:
Die Augen, die mich anschaun, sind zwei Kerzen,
die Lippen, die mich küssen, sind zwei Flammen,
die Sonne selbst halt ich an meinem Herzen.

Wo hast du all die Schönheit hergenommen,
du Liebesangesicht, du Wohlgestalt!
Um dich ist alle Welt zu kurz gekommen.
Weil du die Jugend hast, wird alles alt,
weil du das Leben hast, muss alles sterben,
weil du die Kraft hast, ist die Welt kein Hort,
weil du vollkommen bist, ist sie ein Scherben,
weil du der Himmel bist, gibt’s keinen dort!

Du warst nur kurze Tage mein Gefährte,
doch ist mein Wesen so von dir durchstrahlt,
und so dein Bild in meinem Tun gemalt,
als ob ein Leben deine Nähe währte.

So kann, ins Glas gesprüht, ein Tropfen Wein
des Wassers Nüchternheit in sich verschlingen
und es mit Süße, Farbe, Duft durchdringen,
dass keins vom andern je mehr zu entzwein.

So schwingen Sterne sich und aber Sterne
um eine Sonne, die sich nie enthüllt,
mit ihrer Kraft und ihrem Licht sie füllt,
und sie regiert aus unermessner Ferne.

Else Lasker-Schüler

Ich habe dich gewählt
unter allen Sternen.

Und bin wach – eine lauschende Blume
im summenden Laub.

Unsere Lippen wollen Honig bereiten
unsere schimmernden Nächte sind aufgeblüht.

An dem seligen Glanz deines Leibes
zündet mein Herz seine Himmel an –

Alle meine Träume hängen an deinem Golde,
ich habe dich gewählt unter allen Sternen.

Anton Wildgans

Ich geb dir einen Namen, süß wie Wein –
gleich einer Beere schmiegt er sich im Munde,
auf der sich manche milde Sonnenstunde
verträumte in die Dämmerung hinein.

In diesem Namen warst du immer mein,
solang ich meine Sehnsucht mir erkunde,
und alles Wehgeschlagene und Wunde
heilte der Glaube an dein Nahesein.

Ich kenn dich gut, du bist mir oft begegnet,
in viele Wesen aufgeteilt: Oft nur
in einem Aug, von Tränen überregnet,

in einer leisen eingekerbten Spur
an liebem Mund, in einem Beben nur
von Händen, die mir meine Not gesegnet.

Und jener Name ist wie eine Frucht,
die köstlich sich am müden Aste ründet,
und, unbeirrt von Herbst und Tod, verkündet,
dass Werden ist in alles Lebens Flucht.

Und wie aus eines Fruchtkerns dunkler Bucht,
tief erdversenkt, der neue Frühling mündet,
hast du, in mich getan, dich sanft entzündet,
dass es aus mir wie Blühen Ausgang sucht.

Weil du mich wieder liebe Erdennähe
und klaren Trunk der Freude mich gelehrt;
denn früher war ich mir nur zugekehrt

und ganz verschüttet von Verzicht und Wehe.
Jetzt aber bin ich hell und unbeschwert
und lache wieder, höre gern und sehe.

Ernst Bertram

Du kannst nicht sein,
du kannst dich nur verschwenden,
kannst bleiben nicht,
die Erde wandert aller Enden;
du kannst nicht sammeln, jedes Gold wird Blei,
und nichts ergreifen, alles schwirrt vorbei;
du kannst nicht wissen, denn es war schon Trug.
Du kannst nur lieben. Lieben ist genug.

Christine Busta

Heute nenn ich Dich Schnee,
Du unerschöpflicher Schöpfer
vergänglicher Sternkristalle,
der die nackten Äcker bekleidet,
den Wanderer weglos macht
und die ärmlichsten Hütten
füllt mit Geborgenheit und Einkehr.

Schwebender Du, der den Bäumen Last wird,
der die tapferen Krähen auswirft
in die Stille und die Tiere
aus den Wäldern den Menschen nahe bringt,
der die Hilflosen hilfloser macht
und die Hilfsbereiten bereiter.

Lautloser, der das Vertraute entfremdet,
wird uns deine Fülle begraben,
werden Flüche das Lob ersticken?
Morgen vielleicht schon wird uns Dein Weiß
blenden, und Du beginnst zu tauen.
Herrlicher! Dann nenn ich Dich Sonne.

Annemarie Schnitt

dich nenne ich
fragt mich wer
nach meiner großen Liebe

spröde dein Gesicht
von Strömungen umrissen
deine steinerne Gestalt

ausgeliefert den Stürmen
der Sonne preisgegeben
verloren unter Sternen

dich nenne ich
fragt mich wer
nach meiner großen Liebe
dich
gehalten
von den Armen
des Himmels

G. L.

Geliebter!

Du meine Liebe,
meine Welt,
der tiefe Wald,
das weite Feld,
Du bist die Woge
und der Strand!

Geliebter!

Du meine Sonne,
meine Luft,
Du bist die Blume
und der Duft,
das ferne Ufer
und das Land!

Geliebter! 

Ja, Du allein
bist, was ich bin,
Du mein Verlust
und mein Gewinn,
Du meine Chance,
mein Beginn,
mein ganzes Glück,
mein ganzer Sinn,
Du bist mein Leben
und mein Blut,
mein fester Glaube
und mein Mut,
Du bist mein Halt,
mein ganzes Gut!

Geliebter!

Du meine Sehnsucht,
meine Qual!
Du bist der Strom,
das tiefe Tal,
unendlich nah –
unendlich weit!

Geliebter!

Du bist mein Tag
und meine Nacht,
der stille Traum,
der glücklich macht –
Du bist die Zeit
und Ewigkeit!

Geliebter!

Abu-Said, Emir Moasi, Dschami, Feghani: Hans Bethge, Der persische Rosengarten, Nachdichtungen persischer Lyrik, Herbert Schult Verlag, Heidenheim 1980
Ricarda Huch, Gesammelte Werke, Fünfter Band,  Kiepenheuer & Witsch 1966–1970
Else Lasker Schüler, Werke und Briefe, Band 1: Gedichte, Suhrkamp Verlag
Anton Wildgans, Sonette an Ead
Ernst Bertram, Zwischenland. Ausgewählte Gedichte 1911–1955, Rimbaud Verlag, mit freundlicher Erlaubnis
Christine Busta, Schneepsalm, Otto Müller Verlag, mit freundlicher Erlaubnis
Annemarie Schnitt [Homepage], mit freundlicher Erlaubnis

G. L., mit freundlicher Erlaubnis