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Dschuang Dsi

1

Die Menschen sind verstrickt, hinterlistig, verborgen. Aus Furcht vor kleinen Übeln beben sie ängstlich; ist Großes zu fürchten, so werden sie gänzlich verstrickt. Bald fahren sie zu, wie der Bolzen von der Armbrust schnellt: das nennt man Richter sein über Recht und Unrecht. Bald verharren sie auf etwas wie auf einem beschworenen Vertrag: das nennt man seine Überlegenheit festhalten. Unaufhaltsam wie das Sterben im Herbst und Winter zehren sie täglich immer mehr ihre Kraft aus. Sie ertrinken in ihren Taten, also dass jede Umkehr für sie unmöglich wird. Sie sind zur Unfreiheit verdammt, wie mit Stricken gebunden; so sind sie eingefahren in ihre alten Geleise. Und ist das Herz dann erst dem Tode nahe, lässt es sich nicht zum lichten Leben wiederbringen. Lust und Zorn, Trauer und Freude, Sorgen und Seufzer, Unbeständigkeit und Zögern, Genusssucht und Unmäßigkeit, Hingegebensein an die Welt und Hochmut entstehen wie die Töne in hohlen Röhren, wie feuchte Wärme Pilze erzeugt. Tag und Nacht lösen sie einander ab und tauchen auf, ohne dass [die Menschen] erkennen, woher sie sprossen. Genug! Genug! Früh und spät besitzen wir jenes Etwas, von dem sie in ihrem Entstehen abhängig sind. Ohne jenes Etwas gibt es kein Ich. Ohne Ich gibt es nichts, das sie erfassen könnte. So ist es uns also ganz nahe, wenn wir auch nicht seine Wirkungsart erkennen können.

neu  2

Dsï Gung war im Staate Tschu gewandert und nach dem Staate Dsin zurückgekehrt. Als er durch die Gegend nördlich des Han-Flusses kam, sah er einen alten Mann, der in seinem Gemüsegarten beschäftigt war. Er hatte Gräben gezogen zur Bewässerung. Er stieg selbst in den Brunnen hinunter und brachte in seinen Armen ein Gefäß voll Wasser herauf, das er ausgoss. Er mühte sich aufs Äußerste ab und brachte doch wenig zustande.

Dsï Gung sprach: „Da gibt es eine Einrichtung, mit der man an einem Tag hundert Gräben bewässern kann. Mit wenig Mühe wird viel erreicht. Möchtet Ihr die nicht anwenden?“

Der Gärtner richtete sich auf, sah ihn an und sprach: „Und was wäre das?“ Dsï Gung sprach: „Man nimmt einen hölzernen Hebelarm, der hinten beschwert und vorn leicht ist. Auf diese Weise kann man das Wasser schöpfen, dass es nur so sprudelt. Man nennt das einen Ziehbrunnen.“

Da stieg dem Älteren der Ärger ins Gesicht, und er sagte lachend: „Ich habe meinen Lehrer sagen hören: Wenn einer Maschine benützt, so betreibt er alle seine Geschäfte maschinenmäßig; wer sein Geschäft maschinenmäßig betreibt, der bekommt ein Maschinenherz. Wenn einer aber ein Maschinenherz in der Brust hat, dem geht die reine Einfalt verloren. Bei wem die reine Einfalt hin ist, der wird ungewiss in den Regungen seines Geistes.“

3

Wer des Lebens Bedingungen versteht, der wird sich nicht abmühen um Dinge, die für das Leben überflüssig sind. Wer die Bedingungen des Schicksals kennt, der wird sich nicht abmühen um Dinge, die wir nicht wissen können. Um unseren Leib erhalten zu können, sind wir angewiesen auf den Besitz, und doch kommt es vor, dass einer Besitz hat im Überfluss und damit dennoch nicht seinen Leib erhalten kann. Um das Leben zu erhalten, sind wir darauf angewiesen, dass unser Leib nicht von uns getrennt wird, und doch kommt es vor, dass einer von seinem Leib nicht getrennt wird und dass dennoch sein Leben zugrunde geht. Wenn das Leben kommt, so lässt es sich nicht abweisen; wenn es geht, so lässt es sich nicht festhalten. Ach, dass die Leute der Welt denken, es genüge, den Leib zu pflegen, um das Leben zu wahren! In Wirklichkeit genügt die Pflege des Leibes nicht, um das Leben zu wahren. Darum genügt es nicht, zu handeln wie die Welt. Wer aber, obwohl es nicht der Mühe wert ist zu handeln, es dennoch nicht über sich bringt, vom Handeln abzulassen, der entgeht dem Handeln nicht. Wer dem Handeln um des Leibes willen entgehen will, der tut am besten, die Welt aufzugeben. Gibt man die Welt auf, so wird man frei von Verwicklungen. Ist man frei von Verwicklungen, so erreicht man Gerechtigkeit und Frieden. Hat man Gerechtigkeit und Frieden, so findet man die Wiedergeburt im Tao. Wer wiedergeboren ist, der ist am Ziel.

4

Lass deine Seele wandeln jenseits der Sinnlichkeit, sammle deine Kraft im Nichts, lass allen Dingen ihren freien Lauf und dulde keine eigenen Gedanken – und die Welt wird in Ordnung sein.

5

Der höchste Mensch gebraucht sein Herz wie einen Spiegel. Er geht den Dingen nicht nach und geht ihnen nicht entgegen; er spiegelt sie wider, aber hält sie nicht fest. Darum kann er die Welt überwinden und wird nicht verwundet. Er ist nicht der Sklave seines Ruhmes; er hegt nicht Pläne; er gibt sich nicht ab mit den Geschäften; er ist nicht Herr des Erkennens. Er beachtet das Kleinste und ist doch unerschöpflich und weilt jenseits des Ichs. Bis aufs Letzte nimmt er entgegen, was der Himmel spendet, und hat doch, als hätte er nichts. Er bleibt demütig.

6

Ein Holzschnitzer schnitzte einen Glockenständer. Als der Glockenständer fertig war, da bestaunten ihn alle Leute, die ihn sahen, als ein göttliches Werk.

Der Fürst von Lu besah ihn ebenfalls und fragte den Meister: „Was habt Ihr für ein Geheimnis?“

Jener erwiderte: „Ich bin ein Handwerker und kenne keine Geheimnisse, und doch, auf eines kommt es dabei an: Als ich im Begriffe war, den Glockenständer zu machen, da hütete ich mich, meine Lebenskraft [in anderen Gedanken] zu verzehren. Ich fastete, um mein Herz zur Ruhe zu bringen. Als ich drei Tage gefastet, da wagte ich nicht mehr, an Lohn und Ehren zu denken; nach fünf Tagen wagte ich nicht mehr, an Lob und Tadel zu denken; nach sieben Tagen, da hatte ich meinen Leib und alle Glieder vergessen. Zu jener Zeit dachte ich auch nicht mehr an den Hof Eurer Hoheit. Dadurch ward ich gesammelt in meiner Kunst, und alle Betörungen der Außenwelt waren verschwunden. Darnach ging ich in den Wald und sah mir die Bäume auf ihren natürlichen Wuchs an. Als mir der rechte Baum vor Augen kam, da stand der Glockenständer fertig vor mir, so dass ich nur noch Hand anzulegen brauchte. Hätte ich den Baum nicht gefunden, so hätte ich’s aufgegeben. Weil ich so meine Natur mit der Natur des Materials zusammenwirken ließ, deshalb halten die Leute es für ein göttliches Werk.

7

Was die Alten als Erreichung des Ziels bezeichneten, waren nicht Staatskarossen und Kronen, sondern sie bezeichneten damit einfach die Freude, der nichts zugefügt werden kann. Was man heute unter Erreichung des Ziels versteht, sind Staatskarossen und Kronen. Staatskarossen und Kronen aber sind nur etwas Äußerliches und haben nichts zu tun mit dem wahren Leben. Was von außen her der Zufall bringt, ist nur vorübergehend. Das Vorübergehende soll man nicht abweisen, wenn es kommt, und nicht festhalten, wenn es geht. Dann ist unsere Freude dieselbe im Glück und Unglück, und man ist frei von allen Sorgen.

8

Wer die Einheit erreicht und mit ihr übereinstimmt, für den ist sein Körper mit allen seinen Gliedern nur Staub und Erde. Leben und Tod, Anfang und Ende sind für ihn wie Tag und Nacht. Sie vermögen ihn nicht zu betören, wie viel weniger wird das, was als Gewinn oder Verlust, als Unglück oder Glück ihm naht, ihn betören können! Wer darum Amt und Würden wegwirft, der ist, als würfe er Schlamm und Erde weg.

9

Gien Wu fragte den Sun Schu Au und sprach: „Ihr wart dreimal Kanzler und wart nicht stolz darüber; dreimal wurdet Ihr weggeschickt und zeigtet Euch nicht traurig. Wie macht Ihr’s nur, dass Ihr also Euer Herz in der Hand habt?“

Sun Schu Au sprach: „Ich bin nicht besser als andere Menschen. Ich hielt nur dafür, dass man, was einem zufällt, nicht ablehnen, und was einen verlässt, nicht festhalten soll. Ich bin der Meinung, dass, was wir bekommen oder verlieren, nicht unser eigentliches Ich ist. Darum war ich nicht traurig. Das ist alles. Ich bin nicht besser als andere Menschen. Außerdem wusste ich nicht einmal, ob die Ehre dem Amt galt oder ob sie mir galt. Galt sie dem Amt, so ging sie mich nichts an; galt sie mir, so ging sie das Amt nichts an. Beschäftigt mit sorgfältiger Überlegung und allseitiger Umsicht hatte ich keine Muße, darauf zu achten, ob die Menschen mich ehrten oder gering schätzten.“

Kung Dsi hörte von der Sache und sprach: „Die wahren Menschen des Altertums waren also, dass auch der Weiseste ihre Art nicht beschreiben konnte, dass auch die schönste Frau sie nicht verführen konnte, dass auch der schlimmste Räuber sie nicht vergewaltigen konnte, dass auch der mächtigste Fürst nicht ihre Freundschaft erzwingen konnte. Leben und Tod sind wohl wichtige Angelegenheiten, und doch vermochten sie nicht, ihr Selbst zu beeinflussen; wie viel weniger Ehren und Gewinn! Die also waren, die vermochten im Geist den größten Berg zu durchringen, ohne dass sie behindert wurden; sie vermochten in die tiefsten Quellen zu tauchen, ohne dass sie nass wurden; sie vermochten in Armut und Niedrigkeit zu weilen, ohne dass sie überdrüssig wurden; sie erfüllten Himmel und Erde. Darum, je mehr sie andern gaben, desto mehr besaßen sie selbst.“

10

Die wahren Menschen des Altertums scheuten sich nicht davor, wenn sie [mit ihrer Erkenntnis] allein blieben. Sie vollbrachten keine Heldentaten, sie schmiedeten keine Pläne. Darum hatten sie beim Misslingen keinen Grund zur Reue, beim Gelingen keinen Grund zum Selbstgefühl; darum konnten sie die höchsten Höhen ersteigen, ohne zu schwindeln; sie konnten ins Wasser gehen, ohne benetzt zu werden; sie konnten durchs Feuer schreiten, ohne verbrannt zu werden. Auf diese Weise vermochte sich ihre Erkenntnis zu erheben zur Übereinstimmung mit dem Tao.

Die wahren Menschen des Altertums hatten während des Schlafens keine Träume und beim Erwachen keine Angst. Ihre Speise war einfach, ihr Atem tief. Die wahren Menschen holen ihren Atem von ganz unten herauf, während die gewöhnlichen Menschen nur mit der Kehle atmen. Krampfhaft und mühsam stoßen sie ihre Worte heraus, als erbrächen sie sich. Je tiefer die Leidenschaften eines Menschen sind, desto seichter sind die Regungen des Göttlichen in ihm.

Die wahren Menschen der Vorzeit kannten nicht die Lust am Geborensein und nicht die Abscheu vor dem Sterben. Ihr Eintritt [in die Welt der Körperlichkeit] war für sie keine Freude, ihr Eingang [ins Jenseits] war ohne Widerstreben. Gelassen gingen sie, gelassen kamen sie. Sie vergaßen nicht ihren Ursprung; sie strebten nicht ihrem Ende zu; sie nahmen ihr Schicksal hin und freuten sich darüber, und [des Todes vergessend] kehrten sie [ins Jenseits] zurück. So beeinträchtigten sie nicht durch eigene Bewusstheit das Tao und suchten nicht durch ihr Menschliches der Natur zu Hilfe zu kommen. Also sind die wahren Menschen.

Dadurch erreichten sie es, dass ihr Herz fest wurde, ihr Antlitz unbewegt und ihre Stirne einfach heiter. Waren sie kühl, so war es wie die Kühle des Herbstes; waren sie warm, so war es wie die Wärme des Frühlings. All ihre Gefühlsäußerungen waren unpersönlich wie die vier Jahreszeiten. Allen Wesen begegneten sie, wie es ihnen entsprach, und niemand konnte ihr Letztes durchschauen.

Die Art der wahren Menschen des Altertums war es, ihre Pflicht zu tun gegen die Menschen, aber sich nicht durch Bande der Freundschaft an sie zu ketten; sie erschienen demütig, ohne zu schmeicheln; sie waren ausgeprägt in ihrer Eigenheit, ohne eigensinnig zu sein; sie waren weit erhaben über jede kleinliche Wirklichkeit, ohne damit zu glänzen; freundlich lächelnd schienen sie fröhlich zu sein, und doch waren sie zurückhaltend und gaben sich nur gezwungen mit den Menschen ab. Sie ziehen uns an und dringen ein in unser Inneres, und reich beschenkt wird unser Geist durch sie gefestigt.

Was sie lieben, ist das Eine; was sie nicht lieben, ist aber auch jenes Eine. Womit sie sich eins fühlen, ist das Eine; das, womit sie sich nicht eins fühlen, ist aber auch das Eine. In dem, was ihr Eines ist, sind sie Genossen der Natur; in dem, was nicht ihr Eines ist, sind sie Genossen der Menschen. Bei wem Natürliches und Menschliches sich das Gleichgewicht hält: das ist der wahre Mensch.

Wenn die Quellen austrocknen und die Fische sich auf dem Trockenen zusammendrängen, die Mäuler einander nähern, um sich Feuchtigkeit zu geben, und mit ihrem Schleim einander netzen, so ist dieser Zustand lange nicht so gut, als wenn sie einander vergessen in Strömen und Seen. Den Erzvater Yau zu preisen und den Tyrannen Gië zu verdammen, ist lange nicht so gut, als beider zu vergessen und aufzugehen im Tao. Das große All trägt uns durch die Form; es schafft uns Mühe durch das Leben; es schafft uns Lösung durch das Alter; es schafft uns Ruhe durch den Tod. So wird [die Kraft], die es gut gemacht hat mit unserem Leben, eben deshalb es auch gut machen mit unserem Sterben.

Das ist das Tao: Es ist gütig und treu, aber es äußert sich nicht in Handlungen und hat keine äußere Gestalt; man kann es mitteilen, aber man kann es nicht fassen; man kann es erlangen, aber man kann es nicht sehen; es ist unerzeugt sich selber Wurzel. Ehe Himmel und Erde waren, bestand es von Ewigkeit; Geistern und Göttern verleiht es den Geist; Himmel und Erde hat es erzeugt. Es war vor aller Zeit und ist nicht hoch; es ist jenseits alles Raumes und ist nicht tief; es ging der Entstehung von Himmel und Erde voran und ist nicht alt; es ist älter als das älteste Altertum und ist nicht greis.

11

Dschuang Dsi sah einst unterwegs einen leeren Totenschädel, der zwar gebleicht war, aber seine Form noch hatte.

Er tippte ihn an mit seiner Reitpeitsche und begann also ihn zu fragen: „Bist du in der Gier nach Leben von dem Pfade der Vernunft abgewichen, dass du in diese Lage kamst? Oder hast du ein Reich zugrunde gebracht und bist mit Beil oder Axt hingerichtet worden, dass du in diese Lage kamst? Oder hast du einen üblen Wandel geführt und Schande gebracht über Vater und Mutter, Weib und Kind, dass du in diese Lage kamst? Oder bist du durch Kälte und Hunger zugrunde gegangen, dass du in diese Lage kamst? Oder bist du, nachdem des Lebens Herbst und Lenz sich geendet, in diese Lage gekommen?

Als der Weise geendet, da nahm er den Schädel zum Kissen und schlief. Um Mitternacht erschien ihm der Schädel im Traum und sprach: „Du hast da geredet wie ein Schwätzer. Alles, was du erwähnst, sind nur Sorgen der lebenden Menschen. Im Tod gibt es nichts derart. Möchtest du etwas vom Tod reden hören?“

Dschuang Dsi sprach: „Ja.“

Der Schädel sprach: „Im Tod gibt es weder Fürsten noch Knechte und nicht den Wechsel der Jahreszeiten. Wir lassen uns treiben, und unser Lenz und Herbst sind die Bewegungen von Himmel und Erde. Selbst das Glück eines Königs auf dem Throne kommt dem unseren nicht gleich.“

Dschuang Dsi glaubte ihm nicht und sprach: „Wenn ich den Herrn des Schicksals vermöchte, dass er deinen Leib wieder zum Leben erweckt, dass er dir wieder Fleisch und Bein und Haut und Muskeln gibt, dass er dir Vater und Mutter, Weib und Kind und alle Nachbarn und Bekannten zurückgibt, wärst du damit einverstanden?“

Der Schädel starrte mit weiten Augenhöhlen, runzelte, die Stirn und sprach: „Wie könnte ich mein königliches Glück verwerfen, um wieder die Mühen der Menschenwelt auf mich zu nehmen?“

12

Im Geteilten gibt es Unteilbares. In den Beweisen gibt es Unbeweisbares. Was heißt das? Der Berufene hat [die Wahrheit] als innere Überzeugung, die Menschen der Massen suchen sie zu beweisen, um sie einander zu zeigen. Darum heißt es: Wo bewiesen wird, da fehlt die Anschauung. Das große Tao bedarf nicht der Bezeichnung; großer Beweis bedarf nicht der Worte; große Liebe ist nicht liebevoll; große Reinheit ist nicht wählerisch; großer Mut ist nicht tollkühn. Ist das Tao gleißend, so ist es nicht das Tao; sucht man mit Worten zu beweisen, so erreicht man nichts; ist die Liebe korrekt, so bringt sie nichts fertig; ist die Reinheit allzu rein, so ist sie nicht wahrhaft; zeigt sich der Mut tollkühn, so bringt er nichts fertig. Diese fünf Dinge sind auf der Grenze zwischen der in sich geschlossenen [himmlischen Welt] und der kantigen [wirklichen Welt]. Darum: Mit seinem Erkennen Halt machen an der Grenze des Unerforschlichen ist das Höchste. Wer vermag zu erkennen den unaussprechlichen Beweis, das unsagbare Tao? Diese zu erkennen vermögen heißt des Himmels Schatzhaus besitzen. Dann strömt es uns zu, und wir werden nicht voll. Es fließt aus uns hervor, und wir werden nicht leer, und wir wissen nicht, von wannen es kommt: das ist das verborgene Licht.

13

Lau Dan sprach zu Kung Dsï: „Darf ich fragen: Gehört Liebe und Pflicht eigentlich zum Wesen des Menschen?“

Kung Dsï sprach: „Gewiss. Die Tugend ist ohne Liebe nicht vollkommen und kann ohne Pflicht nicht entstehen. Liebe und Pflicht gehören zum Wesen des wahren Menschen. Was will er ohne sie anfangen?“

Lau Dan sprach: „Was bedeutet eigentlich Liebe und Pflicht?“

Kung Dsï sprach: „Im innersten Herzen alle Wesen gern haben, alle lieben ohne Selbstsucht; das ist die Art von Liebe und Pflicht.“

Lau Dan sprach: „Ei, das scheinen mir recht minderwertige Reden zu sein. Alle zu lieben, ist das nicht übertrieben? Selbstlosigkeit als seine Pflicht ansehen, das beweist ja gerade, dass man selbstsüchtig ist. Wenn Ihr, Meister, den Wunsch habt, dass die Welt nicht ohne Hirten sei, so wisst Ihr ja, dass Himmel und Erde ihre ewigen Ordnungen in sich selbst haben, dass Sonne und Mond ihr Licht in sich selbst haben, dass Sterne und Sternbilder ihre Ordnung in sich selbst haben, dass die Tiere ihren Herdentrieb in sich selbst haben, dass die Pflanzen ihren Standort in sich selbst haben. Wenn Ihr, Meister, in Euren Handlungen diesem Leben nachahmt und mit Euren Schriften diesem Sinne folgt, so seid Ihr ja schon am Ziel. Was braucht Ihr da noch krampfhaft Liebe und Pflicht predigen, wie wenn man die Pauke schlagen wollte, um einen verlorenen Sohn zu suchen? Ei, Meister, Ihr verwirrt der Menschen Wesen!

Dieses ewige Gerede von Liebe und Pflicht macht mich ganz verrückt. Wenn Ihr, mein Herr, die Welt nicht um ihre Einfalt brächtet, so könntet auch Ihr, mein Herr, Euch von dem Windhauch tragen lassen [der bläst, wo er will] und würdet Euren Platz finden im allgemeinen Leben. Wozu bedürft Ihr denn dieser Energie, die Euch dem Manne gleichmacht, der sich eine große Trommel umhängt und paukt, um seinen entlaufenen Sohn wiederzufinden? Die Schneegans braucht sich nicht täglich zu baden und ist dennoch weiß; der Rabe braucht sich nicht täglich zu schwärzen und ist dennoch schwarz. Über die Schlichtheit ihrer schwarzen und weißen Farbe lohnt es nicht zu disputieren. Die Betrachtungen von Namen und Ruhm lohnt es sich nicht, wichtig zu nehmen.“

14

Liebe und Pflicht sind Nothütten der alten Könige. Man kann darin eine Nacht verweilen, aber nicht dauernd darin wohnen, sonst stellen die, die uns zusehen, zu große Ansprüche an uns. Die höchsten Menschen der alten Zeit benützten die Liebe als Pfad und die Pflicht als Herberge, um zu wandern im Raum freier Muße. Sie nährten sich vom Feld der Wunschlosigkeit und standen im Garten der Bedürfnislosigkeit. Wandern in Muße ist Nicht-Handeln. Wunschlosigkeit ist leicht zu ernähren, und Bedürfnislosigkeit braucht keinen Aufwand. Die Alten nannten das: Wanderschaft, bei der man die Wahrheit pflückt. Die aber Reichtum für ihr Leben halten, sind nicht imstande, andern ihr Einkommen zu gönnen. Die Berühmtheit für ihr Leben halten, sind nicht imstande, andern ihren Namen zu gönnen. Die der Macht zugetan sind, sind nicht imstande, andern Einfluss zu gewähren. Haben sie diese Güter in der Hand, so zittern sie, und wenn sie sie hergeben müssen so kommen sie in Trauer, und das Eine findet keinen Raum, wo es sich spiegeln könnte. Wenn man ihre ewige Rastlosigkeit betrachtet, so muss man sagen, dass das die Leute sind, die der Himmel zur Sklaverei verdammt hat.

15

Höchste Höflichkeit nimmt keine besondere Rücksicht auf die Menschen; höchste Gerechtigkeit kümmert sich nicht um Einzeldinge; höchste Weisheit schmiedet keine Pläne; höchste Liebe kennt keine Zuneigung, höchste Treue gibt kein Pfand.

16

Wenn der Leib sich abmüht ohne Ruhe, so wird er aufgebraucht; wenn der Geist tätig ist ohne Aufhören, so wird er müde. Müdigkeit führt zur Erschöpfung. Es ist die Art des Wassers, dass es rein ist, wenn es nicht bewegt wird. Wird es gehindert und eingedämmt, so fließt es wohl nicht, aber verliert seine Klarheit. Das ist ein Bild des himmlischen Lebens. Darum heißt es: Rein sein und echt und ungemischt, still sein und eins und ohne Wandel, schmacklos sein und nicht handeln, in allen Regungen sich nach den Wirkungen des Himmels richten: das ist der Weg zur Pflege des Geistes. Wer eine kostbare Klinge hat, der tut sie in einen Schrein und verbirgt sie und wagt sie nicht zu gebrauchen, weil sie so wertvoll ist. Wenn der Geist alles durchdringt und durchströmt und nichts ihm unerreichbar bleibt, wenn er hinaufdringt zum Himmel und unten die Erde umschlingt, wenn er alle Wesen wandelt und nährt und ohne Gleichnis noch Bild ist: das heißt eins sein mit Gott.

17

Ablassen bringt Gleichgewicht und Leichtigkeit; Gleichgewicht und Leichtigkeit bringen Ruhe und Schmacklosigkeit: da können Leid und Schmerzen nicht hinein, und üble Einflüsse vermögen nicht zu überwältigen. So wird das Tao völlig und der Geist ohne Fehl. Darum heißt es: Das Leben des berufenen Heiligen ist Wirken des Himmels; sein Sterben ist Wandel der körperlichen Form. In seiner Stille ist er eins mit den Wesen der Nacht; in seinen Regungen ist er eins mit den Wogen des Tages. Er sucht nicht dem Glück zuvorzukommen noch dem Unglück zu begegnen; er entspricht nur den Anregungen, die auf ihn wirken; er bewegt sich nur gezwungen und erhebt sich nur, wenn er nicht anders kann; er tut ab Vorsätze und Erinnerungen und folgt allein des Himmels Richtlinien. Darum trifft ihn nicht Strafe des Himmels noch Verwicklungen durch die Dinge, nicht der Tadel der Menschen noch Beunruhigung der Geister. Sein Leben ist wie Schwimmen, sein Sterben ist wie Ausruhen. Er macht sich keine Sorgen und schmiedet keine Pläne; er ist licht ohne Schimmer, er ist wahr ohne Beteuerungen. Sein Schlaf ist ohne Traum, sein Wachen ohne Leid. Sein Geist ist rein, seine Seele bleibt ohne Ermüdung. Leere, Nicht-Sein, Ruhe, Schmacklosigkeit ist Einigung mit himmlischem Leben.

18

Die ihre Natur verbessern wollen durch weltliches Lernen, um dadurch ihren Anfangszustand zu erreichen; die ihre Wünsche regeln wollen durch weltliches Denken, um dadurch Klarheit zu erreichen, sind betörte und betrogene Leute.

Die Alten ordneten das Tao, indem sie durch ihre Ruhe ihre Erkenntnis förderten. Sie lebten, aber richteten sich nicht nach ihrer Erkenntnis bei ihren Handlungen. Auf diese Weise förderten sie durch ihre Erkenntnis ihre Ruhe. Indem Ruhe und Erkenntnis sich gegenseitig förderten, ging Einklang und Ordnung aus ihrer Natur hervor. Leben ist Einklang, Tao ist Ordnung. Das Leben, das alles umfängt, ist Liebe.

19

Das Tao durchdringt und verbindet. Jede Trennung, jede in sich abgeschlossene Vollendung ist dem Untergang verfallen. Was führt zu diesen Trennungen? Diese Trennungen entstehen durch Streben nach Vollständigkeit. Wodurch entsteht dieses Streben nach Vollständigkeit? Es entsteht dadurch, dass man das Leben vollständig besitzen will. Darum, wer sich nur nach außen wendet, ohne zu sich selbst zurückzukehren, der geht als Gespenst um, und hat er, was er da draußen sucht, erreicht, so zeigt es sich, dass, was er erreicht hat, der Tod ist. Und wenn er trotz dieser Vernichtung seines Geistes noch körperlich weiter besteht, so ist er doch nichts weiter als ein lebendes Gespenst.

Wer in seinem Körperlichen gestaltet das Unkörperliche, der hat einen festen Halt. Er geht hervor aus dem Unbedingten und dringt ein ins Unteilbare. Was erfüllt ist ohne Unterbrechung, ist der Raum; was dauert ohne Anfang und Ede, ist die Zeit; was existiert im Leben, was existiert im Tod, was existiert im Ausgehen, was existiert im Eingehen, was aus- und eingeht, ohne dass man seine Gestalt sehen könnte: das ist die Ewigkeit. Die Ewigkeit ist ohne So-Sein. Alle Einzeldinge gehen hervor aus dem Nicht-So-Sein. Das So-Sein vermag nicht aus sich selbst So-Sein zu bewirken, es geht notwendig hervor aus dem Nicht-So-Sein. Das Nicht-So-Sein ist eins mit sich selbst. Der Berufene birgt sich darin.

20

Erkenntnis wanderte im Norden an den Ufern des dunklen Wassers und bestieg den Berg des steilen Geheimnisses. Da begegnete sie von ungefähr dem schweigenden Nichtstun.

Erkenntnis redete das schweigende Nichtstun an und sprach: „Ich möchte eine Frage an dich richten. Was muss man sinnen, was denken, um das Tao zu erkennen? Was muss man tun und was lassen, um im Tao zu ruhen? Welche Straße muss man wandern, um das Tao zu erlangen?“

Dreimal fragte sie, und das schweigende Nichtstun antwortete nicht. Nicht dass es absichtlich die Antwort verweigert hätte; es wusste nicht zu antworten. So konnte Erkenntnis nicht weiter fragen und kehrte um. Da kam sie im Süden an das weiße Wasser und bestieg den Berg der Zweifelsendung. Da erblickte sie Willkür. Erkenntnis stellte dieselben Fragen an Willkür.

Willkür sprach: „Oh, ich weiß es; ich will es dir sagen.“

Aber während sie eben reden wollte, hatte sie vergessen, was sie reden wollte, und Erkenntnis konnte nicht weiter fragen. Da kehrte sie zurück zum Schloss des Herrn, trat vor den Herrn der gelben Erde und fragte ihn.

Der Herr der gelben Erde sprach: „Nichts sinnen, nichts denken: So erkennst du das Tao. Nichts tun und nichts lassen: So ruhst du im Tao. Keine Straße wandern: So erlangst du das Tao.“

Erkenntnis fragte den Herrn der gelben Erde und sprach: „Wir beide wissen es, jene beiden wusste es nicht. Wer hat nun recht?“

Der Herr der gelben Erde sprach: „Schweigendes Nichtstun hat wirklich recht; Willkür kommt ihm nahe; wir beide erreichen es ewig nicht.“

Erkenntnis fragte den Herrn der gelben Erde: „Wieso erreichen wir es nicht?“

Der Herr der gelben Erde sprach: „Das schweigende Nichtstun ist wirklich im Recht, deshalb, weil es kein Erkennen hat; Willkür kommt ihm nahe, weil sie Vergessen hat; wir beide erreichen es ewig nicht, weil wir Erkennen haben.“

21

Komm mit mir zum Nichts-Tun, zur Einfalt und Stille, zur Versunkenheit und Reinheit, zur Harmonie und Ruhe. Dort sind alle Unterschiede verschwunden. Mein Wille hat kein Ziel, und ich weiß nicht, wohin ich komme. Ich gehe und komme und weiß nicht, wo ich Halt mache. Ich wandere hin und her und weiß nicht, wo es endet. Schwebend überlasse ich mich dem unendlichen Raum. Hier findet auch das höchste Wissen keine Grenzen. Der den Dingen ihre Dinglichkeit gibt, ist nicht äußerlich von ihnen abgegrenzt; nur die Einzeldinge haben Grenzen.

Dschuang Dsi, Das wahre Buch vom südlichen Blütenland, Übersetzung Richard Wilhelm, Eugen Diederichs Verlag, München 1969
1  Buch II, Kapitel 2
2  Buch XII, Kapitel 11
3  Buch XIX, Kapitel 1
4  Buch VII, Kapitel 3
5  Buch VII, Kapitel 6
6  Buch XIX, Kapitel 11
7  Buch XVI, Kapitel 4
8  Buch XXI, Kapitel 4
9  Buch XXI, Kapitel 10
10  Buch VI, Kapitel 1
11  Buch XVIII, Kapitel 4
12  Buch II, Kapitel 7
13  Buch XIII, Kapitel 7 und Buch XIV, Kapitel 6
14  Buch XIV, Kapitel 5
15  Buch XXIII, Kapitel 5
16  Buch XV
17  Buch XV
18  Buch XVI, Kapitel 1
19  Buch XXIII, Kapitel 3
20  Buch XXII, Kapitel 1
21  Buch XXII, Kapitel 5