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Buddha |
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1 Dies, ihr Mönche, ist die edle Wahrheit vom Leiden. Geburt ist Leiden, Alter ist Leiden, Krankheit ist Leiden, Tod ist Leiden, mit Unliebem vereint sein, ist Leiden, von Liebem getrennt sein, ist Leiden, nicht erlangen, was man begehrt, ist Leiden – kurz: die fünferlei Objekte des Ergreifens sind Leiden. Dies, ihr Mönche, ist die edle Wahrheit von der Entstehung des Leidens: Es ist der Durst, der zur Wiedergeburt führt, samt Freude und Begier, hier und dort seine Freude findend: der Lüstedurst, der Werdedurst, der Vergänglichkeitsdurst. Dies, ihr Mönche, ist die edle Wahrheit von der Aufhebung des Leidens: die Aufhebung dieses Durstes durch restlose Vernichtung des Begehrens, ihn fahren lassen, sich seiner entäußern, sich von ihm lösen, ihm keine Stätte gewähren.
Dies, ihr Mönche, ist die edle Wahrheit vom Wege zur
Aufhebung des Leidens: Es ist dieser edle achtteilige Pfad, der da heißt:
rechtes Glauben, rechtes Entschließen, rechtes Wort, rechte Tat, rechtes Leben,
rechtes Streben, rechtes Gedenken, rechtes Sichversenken. 2 Zwei Enden gibt es, ihr Mönche, denen muss, wer dem Weltleben entsagt hat, fernbleiben. Welche zwei sind das? Hier das Leben in Lüsten, der Lust und dem Genuss ergeben: das ist niedrig, gemein, ungeistlich, unedel, nicht zum Ziele führend. Dort Übung der Selbstquälerei: die ist leidenreich, unedel, nicht zum Ziele führend. Von diesen beiden Enden, ihr Mönche, sich fernhaltend, hat der Vollendete den Weg, der in der Mitte liegt, entdeckt, der Blick schafft und Erkenntnis schafft, der zum Frieden, zum Erkennen, zur Erleuchtung, zum Nirwana führt. Und was, ihr Mönche, ist dieser vom Vollendeten entdeckte Weg, der in der Mitte liegt, der Blick schafft und Erkenntnis schafft, der zum Frieden, zum Erkennen, zur Erleuchtung, zum Nirwana führt? Es ist dieser edle achtteilige Pfad, der da heißt: rechtes Glauben, rechtes Entschließen, rechtes Wort, rechte Tat, rechtes Leben, rechtes Streben, rechtes Gedenken, rechtes Sichversenken.
Dies, ihr Mönche, ist der vom Vollendeten entdeckte
Weg, der in der Mitte liegt, der Blick schafft und Erkenntnis schafft, der zum
Frieden, zum Erkennen, zur Erleuchtung, zum Nirwana führt. 3 Was für Körperlichkeit, Empfindungen, Vorstellungen, Gestaltungen, was für Erkennen es nur immer gibt, vergangene, künftige, gegenwärtige, in uns oder außerhalb, stark oder zart, gering oder hoch, in Ferne oder Nähe: sie sind nicht mein, sind nicht ich, sind nicht mein Selbst.
Wer es also ansieht, ihr Mönche, ein kundiger, edler
Hörer der Lehre, wendet sich ab von der Körperlichkeit, wendet sich ab von den
Empfindungen, wendet sich ab von den Vorstellungen, wendet sich ab von den
Gestaltungen, wendet sich ab vom Erkennen. Indem er sich davon abwendet, wird er
frei vom Begehren. Durch Freiheit vom Begehren wird er erlöst. Vernichtet ist
die Geburt, vollendet der heilige Wandel, erfüllt die Pflicht; keine Rückkehr
gibt es mehr zu dieser Welt. 4
Sollten, ihr Mönche, andersgläubige Pilger fragen,
worin wohl die sämtlichen Erscheinungen wurzeln, wodurch sie erzeugt werden,
woraus sie entstehen, was sie zusammenhält, worin sie gipfeln, wodurch sie
beherrscht werden, was ihr Höchstes ist, ihr Kern, ihre Zuflucht und ihr
Endziel, so habt ihr ihnen auf diese Fragen also zu erwidern: „Im Willen, ihr
Brüder, wurzeln alle Erscheinungen, durch Aufmerksamkeit werden sie erzeugt, aus
dem Sinneneindrucke entstehen sie, das Gefühl hält sie zusammen, in der Sammlung
wurzeln sie, durch Achtsamkeit werden sie beherrscht, die Einsicht ist ihr
Höchstes, die Befreiung ihr Kern, das Todlose ist ihre Zuflucht und ihr Endziel
das Nirwana.“ 5 Auch ein Alltagsmensch, ihr Mönche, der die Lehre nicht vernommen hat, mag sich wohl von diesem Körper, der aus den vier Elementen gebildet ist, abwenden, von Begehren danach frei werden, sich von ihm lösen. Und warum das? Weil man bei diesem Körper, ihr Mönche, der aus den vier Elementen gebildet ist, Wachsen wahrnimmt und Verfall, In-sich-Aufnehmen und Von-sich-Fortgeben. Deshalb mag auch ein Alltagsmensch, der die Lehre nicht vernommen hat, sich davon abwenden, von Begehren danach frei werden, sich davon lösen. Was aber, ihr Jünger, Geist genannt wird oder Denken oder Erkennen, davon sich abzuwenden, von Begehren danach frei zu werden, sich davon zu lösen, ist ein Alltagsmensch, der die Lehre nicht vernommen hat, nicht imstande. Und warum nicht? Weil durch lange Zeit, ihr Mönche, der Alltagsmensch, der die Lehre nicht vernommen hat, es festgehalten, es sich zu eigen gemacht, es in sich bewegt hat: „Dies ist mein. Dies bin ich. Dies ist mein Selbst.“ Deshalb ist ein Alltagsmensch, der die Lehre nicht vernommen hat, nicht imstande, sich davon abzuwenden, vom Begehren danach frei zu werden, sich davon zu lösen. Es wäre aber immer noch besser, ihr Mönche, hielte ein Alltagsmensch, der die Lehre nicht vernommen hat, diesen aus den vier Elementen gebildeten Körper für das Selbst, als den Geist. Und warum das?
Der aus den vier Elementen gebildete Körper, ihr
Mönche, kann wohl ein Jahr lang als bestehend erscheinen oder zwei Jahre lang …
oder hundert Jahre lang oder noch länger. Was aber, ihr Jünger, Geist genannt
wird oder Denken oder Erkennen, das entsteht und vergeht, immer wechselnd Tag
und Nacht. Wie ein Affe, ihr Mönche, der in einem Walde, einem Gehölz
umherstreift, einen Ast ergreift und den fahren lässt und einen andern ergreift,
so entsteht und vergeht, was Geist genannt wird oder Denken oder Erkennen, immer
wechselnd Tag und Nacht. 6
Wen die niedrige Sucht überwältigt, dem häuft sich
der Kummer immer mehr, wuchernd wie Birana-Gras. Einem leichtfertigen Menschen
wächst die Sucht wie ein Schlinggewächs; er eilt von einem Dasein zum andern,
gleichwie ein Affe, der im Walde Früchte sucht. 7 Die Last, ihr Mönche, will ich euch zeigen und den Lastträger, und das Aufnehmen der Last und das Ablegen der Last. Das höret! Was ist die Last, ihr Mönche? Die fünferlei Objekte des Ergreifens – so muss man antworten. Welche fünf? Die Körperlichkeit als Objekt des Ergreifens, die Empfindungen … die Vorstellungen … die Gestaltungen … das Erkennen als Objekt des Ergreifens. Dies heißt die Last, ihr Mönche. Und wer ist der Lastträger, ihr Mönche? Die Person – so muss man antworten –, der ehrwürdige Soundso vorn dem und dem Geschlecht. Der heißt der Lastträger, ihr Mönche. Und was ist das Aufnehmen der Last, ihr Mönche? Es ist der Durst, der zur Wiedergeburt führt, samt Freude und Begier, hier und dort seine Freude findend: der Lüstedurst, der Werdedurst, der Vergänglichkeitsdurst. Dies heißt das Aufnehmen der Last, ihr Mönche. Und was, ihr Mönche, ist das Ablegen der Last? Es ist die Aufhebung dieses Durstes durch restlose Vernichtung des Begehrens, ihn fahren lassen, sich seiner entäußern, sich von ihm lösen, ihm keine Stätte gewähren. Dies heißt das Ablegen der Last, ihr Mönche.
So sprach der Erhabene. 8 Töten lebender Wesen meidet der Asket; des Tötens lebender Wesen enthält er sich; er hat den Stock von sich getan; er scheut sich, andern wehzutun; von Mitleid, von mitfühlender Sorge um aller Lebewesen Bestes ist er erfüllt. Fremden Besitz zu nehmen, meidet der Asket; des Nehmens von fremdem Besitz enthält er sich; er nimmt nur, was man ihm gibt, wartet ab, ob man ihm gibt; von Diebsgelüsten frei, rein ist seine Seele. Unkeuschheit meidet er; er lebt in Keuschheit zurückhaltend, entsagend der Fleischeslust, wie die rohe Welt sie übt. Lügnerische Rede meidet er; lügnerischer Rede enthält er sich. Er redet die Wahrheit, hält an der Abrede, ist gewiss, vertrauenswert, hält den Leuten sein Wort.
Verleumderische Rede meidet er; verleumderischer
Rede enthält er sich. Was er hier gehört hat, sagt nicht dort wieder, um den
einen Zwietracht zu bringen; was er dort gehört hat, sagt er nicht hier wieder,
um den andern Zwietracht zu bringen. So ist er der Entzweiten Vereiner, der
Vereinten Förderer in ihrer Einigkeit, an Eintracht sich ergötzend, der
Eintracht sich freuend, an Eintracht seine Lust findend, des Eintracht
schaffenden Wortes Sprecher. 9
Das mit fünf Eigenschaften ausgestattete Wort, ihr
Mönche, ist wohl gesprochen: Es wird zur rechten Zeit gesprochen, wahr, sanft,
zweckdienlich und in liebevoller Gesinnung. 10
Dem Sonnenaufgange, ihr Mönche, geht als Vorläufer
und erstes Anzeichen die aufsteigende Morgenröte voraus. Ebenso auch, ihr
Mönche, geht den verdienstvollen Erscheinungen als Vorläufer und erstes
Anzeichen die rechte Erkenntnis voraus. Denn auf rechte Erkenntnis folgt rechte
Gesinnung, auf rechte Gesinnung rechte Rede, auf rechte Rede rechtes Werk, auf
rechtes Werk rechte Lebensweise, auf rechte Lebensweise rechtes Streben, auf
rechtes Streben rechte Achtsamkeit, auf rechte Achtsamkeit rechte Sammlung, auf
rechte Sammlung rechtes Wissen, auf rechtes Wissen rechte Befreiung. 11
Wenn da in einem Topfe befindliches Wasser mit
roter, gelber, blauer oder brauner Farbe versetzt ist, und ein Mann mit gesunden
Augen sein eigenes Spiegelbild darin zu sehen wünscht, so ist er eben nicht
imstande, dasselbe der Wirklichkeit entsprechend wahrzunehmen und zu erkennen.
Ebenso auch: Zu einer Zeit, wo man begierdegefesselten, begierdegequälten
Geistes verweilt und der aufgestiegenen Sinneslust Aufhebung nicht der
Wirklichkeit gemäß erkennt, zu einer solchen Zeit begreift und erkennt man weder
das eigene Heil noch das Heil der anderen. 12 Am Nachmittage begebe ich mich nach dem Walde. Was sich dortselbst an Gräsern oder Blättern vorfindet, das trage ich an einem Platze zusammen und setze mich nieder. Und nachdem ich meine Beine untergeschlagen, den Körper gerade aufgerichtet und die Aufmerksamkeit vor mich gerichtet habe, gewinne ich, der Sinnlichkeit entrückt, frei von schlechten Geisteszuständen, sinnend und nachdenkend die in der Loslösung geborene, von Verzückung und Glückseligkeit erfüllte erste Selbstvertiefung. Nach Aufhebung des Sinnens und Nachdenkens gewinne ich den inneren Frieden, die Einheit des Geistes, die von Sinnen und Gedanken freie, in der Ruhe geborene, erfüllte zweite Selbstvertiefung. Nach dem Schwinden der Verzückung aber verweile ich gleichmütig, besonnen, wissensklar, und ich fühle in meinem Inneren jenes Glück, von dem die Heiligen sprechen: „Glückselig der Gleichmütige, der Besonnene!“ – so gewinne ich die dritte Selbstvertiefung. Nach dem Schwinden von Wohlgefühl und Schmerz, durch die Unterdrückung der früheren Freude und des Kummers, gewinne ich einen leidlosen, freudlosen Zustand, die gleichmütig-geistesgeklärte vierte Selbstvertiefung.
Ich durchdringe mit einem von Liebe – von Mitleid –
von Mitfreude – von Gleichmut erfüllten Geiste eine Richtung, ebenso ein zweite,
ebenso die dritte, ebenso die vierte. Ebenso durchdringe ich oben, unten, nach
allen vier Winden, überall allerwärts, die ganze Welt mit einem von Liebe,
Mitleid, Mitfreude oder Gleichmut erfüllten Geiste, einem weiten, umfassenden,
unermesslichen … 13
Gleich als wenn in einem Teich voll blauer oder
blassroter oder weißer Lotusblumen einige blaue oder blassrote oder weiße Lotus,
im Wasser entstanden, im Wasser gewachsen, aus dem Wasser nicht hervorkommen,
unterhalb des Wasserspiegels sich ernähren – die sind dann von der äußersten
Spitze bis herab zur Wurzel von dem kühlen Wasser getränkt, durchtränkt,
erfüllt, durchdrungen, und von allen diesen blauen oder blassroten oder weißen
Lotusblumen bliebe nichts undurchdrungen von dem kühlen Wasser –, ebenso auch
tränkt ein Mönche eben diesen Körper mit dem in Selbstvertiefung geborenen freudfreien Glück, durchtränkt ihn, erfüllt ihn, durchdringt ihn, und vom
ganzen Körper bleibt ihm nichts undurchdrungen von diesem freudfreien Glück. 14 Gleichwie, ihr Jünger, zur Herbstzeit am durchbrochenen, wolkenlosen Himmel die Sonne, die Lüfte durcheilend, das den ganzen Raum erfüllende Dunkel zerteilend, glüht und leuchtet und strahlt: ebenso nun auch, ihr Jünger, wird der heilige Jünger, wenn ihm das ungetrübte, unbefleckte Auge der Wahrheit aufgeht, mit dem Aufgehen der Erkenntnis von drei Fesseln befreit: der Ich-Illusion, der Zweifelsucht und dem Hange an Sittenregeln und Riten. Und ferner löst er sich von zwei Eigenschaften: der sinnlichen Begierde und dem Groll.
Der Sinnlichkeit entrückt, frei von schlechten
Geisteszuständen, gewinnt er, sinnend und nachdenkend, die in der Entsagung
geborene, von Glückseligkeit und Freude erfüllte Selbstvertiefung. 15 Von wie vielen Dingen abgewandt, entbunden und losgelöst, o Ehrwürdiger, verweilt der Vollendete unumschränkten Gemütes?
Von zehn Dingen: von Form, Gefühl, Wahrnehmung,
Geistesbildungen und Bewusstsein, von Geburt, Alter, Tod, Leiden und
Leidenschaften. Gleichwie nämlich die Lotusblume, im Wasser geboren, im Wasser
aufgewachsen, sich über den Wasserspiegel erhebt und nicht mehr vom Wasser
berührt wird: ebenso auch verweilt der Vollendete, von diesen zehn Dingen
abgewandt, entbunden und losgelöst, unumschränkten Gemütes. 16 Was es auch immer, ihr Mönche, an Verdiensten des Menschen gibt, sie alle haben nicht den Wert eines Sechzehntels der Liebe, der Erlösung des Herzens; denn die Liebe, die Erlösung des Herzens, übertrifft sie und leuchtet und flammt und strahlt.
Gleichwie da, ihr Mönche, aller Sternenschein nicht den Wert eines Sechzehntels
des Mondscheins hat; denn der Mondschein übertrifft ihn und leuchten flammt und
strahlt, – ebenso auch, ihr Mönche, haben alle Verdienste des Menschen, die es
gibt, nicht den Wert eines Sechzehntels der Liebe, der Erlösung des Herzens;
denn die Liebe, die Erlösung des Herzens, übertrifft sie und leuchtet und flammt
und strahlt.
1, 2, 3, 5, 7, 8, 13 Hermann Oldenberg, Reden des Buddha. Lehre,
Verse, Erzählungen, Kurt Wolff Verlag, München 1922 |