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Aurelius Augustinus |
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Spät erst habe ich Dich geliebt, Schönheit Du,
immer alt und immer neu, spät erst habe ich Dich geliebt … 2
Du hast gerufen, geschrien, hast meine Taubheit
aufgebrochen. Du hast geleuchtet wie ein Blitz über mir und hast meine
Blindheit verjagt. Du hast Deinen Wohlgeruch ausgeströmt, ich habe ihn
eingeatmet und wittere Dich. Geschmack habe ich an Dir gewonnen. Jetzt
hungere und dürste ich. Du hast mich berührt und ich brenne vor Sehnsucht
nach Deinem Frieden. 3
Wo war ich, als ich Dich suchte? Du standest vor
mir, ich aber war auch vor mir selbst davongelaufen und fand mich nicht: Wie
hätte ich Dich finden können! Du zogst mich hinter meinem Rücken hervor.
Dort hatte ich mich versteckt, um mich selber nicht sehen zu müssen. 4
Sag mir nun, mein Geliebter, was Du mir bist.
Sprich zu meiner Seele: „Ich bin Dein Heil.“ Sprich so, dass ich’s höre. Du
bist es, Du mein Geliebter. Dir atme ich Tag und Nacht. 5
Da ich Dich zum ersten Mal erkannte, da warst Du
es, der mich zu Dir erhob, damit ich sähe, dass es wirklich da sei, was ich
sähe. Und ich hörte Deine Stimme: „Ich bin die Speise der Großen; wachse,
und du wirst Mich essen. Und du wirst Mich nicht in dich verwandeln wie die
Speise deines Fleisches, sondern du wirst verwandelt werden in Mich.“ 6 Ich liebe Dich, nicht mit zweifelndem, sondern mit sicherem Bewusstsein. Du hast mit Deinem Wort mein Herz erschüttert, und ich habe Dich geliebt. Auch der Himmel und die Erde und alles, was in ihnen ist, sieh, von allen Seiten her sagen sie mir, dass ich Dich lieben soll. Was aber liebe ich, wenn ich Dich liebe? Nicht das Aussehen eines Körpers und nicht die Anmut eines Lebens- alters, nicht den Glanz des Lichtes, der diesen leiblichen Augen so lieb ist, nicht die süßen Melodien vielfältiger Gesänge, nicht den lockenden Duft von Blüten, Salbölen und Gewürzen, nicht Manna und nicht Honig, nicht Körperteile, die sich zu fleischlichen Umarmungen anbieten – nichts von alledem liebe ich, wenn ich Dich liebe.
Und doch liebe ich eine Art von Licht, von
Stimme, von Wohlgeruch, von Speise und von Umarmung, wenn ich Dich liebe,
denn Du bist das Licht, die Stimme, der Wohlgeruch, die Speise und die
Umarmung meines inneren Menschen. Dort drin in meiner Seele strahlt ein
Licht, das keine Welt fasst, dort klingen Melodien, die keine Zeit
verschlingt, dort duften Wohlgerüche, die kein Wind verweht, dort schmecken
Speisen, deren keine Sattheit satt wird, dort lacht ein Glück vereinter
Liebe, dem ein Überdruss nicht folgt. Das ist es, was ich liebe, wenn ich
Dich, meinen Gott, liebe. 7
Nimmst Du Dich mir, so gib mir einen anderen
Dich, denn an nichts außer Dir finde ich Genügen. Und weisest Du mich von
Dir auf irgendetwas anderes, so gib mir einen anderen Dich, auf dass ich von
Dir zu Dir gehe. Denn ich will nichts als Dich. 8
Du! Über alles bist Du der Hohe, der Gute, der
Mächtige, der Allmächtige, der Erbarmende, der Gerechte, der Geheime und der
Offenbare, der Schöne und der Gewaltige, der Feste und der Unbegreifliche,
der Unwandelbare, der alles wandelt. Nie bist Du neu, nie bist Du alt und
erneuerst doch alles. Immer bist Du der Wirkende, immer der Ruhende, bist
der Sammelnde und nichts Bedürfende, bist der Tragende, Erfüllende,
Schirmende über allem, bist der Erschaffende, Nährende und Vollendende, bist
Sucher, obgleich nichts Dir mangelt. Du liebst, doch ohne Wallung, Du
eiferst und bist doch still sicher in Dir. 9
Unruhig ist mein Herz, bis es Ruhe findet in
dir. 10
Schenk Dich mir, gib Dich mir aufs Neue. Siehe,
ich liebe Dich, und das ist so wenig; ich will Dich stärker lieben. Alles,
was ich weiß, ist, dass es ohne Dich schlecht um mich steht, nicht nur
außerhalb von mir, sondern in mir selbst, und dass aller Überfluss, der
nicht von Dir kommt, mir Bedürftigkeit ist.
Aurelius Augustinus,
Bekenntnisse, Quellen nicht erinnerlich |